Eine Geschichte einer kurzen Liebe

Groß mit Grübchen

Kapitel I

Verlegen blinzele ich ihm entgegen. Durch den leichten Nieselregen an diesem Donnerstagabend im Juni erkenne ich sein Gesicht nur schwer. Mit großen, aber langsamen Schritten kommt er auf mich zu. Meine Aufregung steigt in diesem Moment bis ins Unermessliche. Ich kaue auf meiner Unterlippe, das mache ich immer, wenn ich nervös bin. Hinter mir schieben sich die Menschenmassen durch die enge Straße. Was habe ich mir dabei gedacht, einen wildfremden Mann zu treffen, den ich vorher weder gehört noch gesehen habe. Mit einem etwas ungeschickten Griff, wische ich mir einige Regentropfen aus dem Gesicht. Ich ärgere mich in diesem Moment über meine Kleiderwahl und darüber, meine Jacke vergessen zu haben. Der Ärger verfliegt im dem Moment, als ich bemerke dass er näher kommt. Noch immer erkenne ich ihn nicht richtig. Er wirkt so viel größer und ein wenig schmächtiger, als auf dem Bild vor ein paar Tagen. In diesem Moment hätte ich mir gewünscht, den Klang seiner Stimme zu kennen. Zumindest eine Sprachnachricht von ihm gehört zu haben. „Du kannst jetzt nicht umdrehen, er hat dich schon längst gesehen“ denke ich mir. Ich tippe von einem Bein auf das andere. Halte unbewusst die Luft an. Uns trennen nur noch wenige Meter. Er steht auf der anderen Straßenseite, sein Kopf ragt aus der Menge. Liebevoll aber unsicher lächelt er mich an. Ich lächle zurück, immer noch verlegen und angstvoll zugleich. Dann, die Ampel springt auf grün. Ein Schritt folgt dem nächsten. Mit offenen Armen geht er auf mich zu, sein anfängliches breites Lächeln verzieht sich zu einem nicht deutbarem kleinen Grinsen. Er hat Grübchen, das bemerke ich sofort. Sein Mund öffnet sich und mir kommt ein „Hi“ entgegen. Ich erwidere seine Begrüßung.

90% der Mann und 10% die Frau oder doch umgekehrt?

Kapitel II

Die Stille an diesem Morgen durchdringt den Raum. Sie sitzt in jeder Ecke. Ich, ich fühle mich beruhigt. Nur das leise Plätschern des Wassers meiner Badewanne ist zu hören. Nach dem gestrigen Treffen fühle ich mich einerseits beflügelt andererseits ermattet. Nach der anfänglichen Stunde, dem Spaziergang um die Alster und meiner eher zurückhaltenden Begrüßung zog es ihn noch in eine Bar, ganz in der Nähe der Landungsbrücken. Ich war froh, auf dieser Seite der Stadt zu sein, meiner Seite. Die Gespräche liefen gut, wir lachten. Dabei fielen mir seine strahlend grünen Augen auf. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir immer wieder die Frage stellte > wer sich wohl hinter den Grübchen und den strahlenden Augen < verbergen mochte. Auch wenn mir seine äußere Erscheinung nicht direkt zusagte, so zog er mich mit seinen Worten in den Bann. Zugegeben, manchmal hatte ich Schwierigkeiten ihn zu verstehen. Er war nicht von hier und sein Dialekt, der weiter südlich Deutschlands zuzuordnen war, brachte mich auch ab und an zum Schmunzeln. Nach dem wir jeder den letzten Schluck unseres zweiten Glas Wein nahmen, beschlossen wir zu gehen. Er zahlte, ich war geschmeichelt und bedankte mich und ging voraus in Richtung Tür. Mein Puls stieg beim Verlassen der Bar, war es doch nun schon eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich nicht nur die erste Stunde eines Dates sondern sogar einen ganzen Abend als angenehm empfand. Wir gingen Richtung Fischmarkt, der Regen hatte aufgehört und es war nun eine sternenklare Nacht. In meinem Sommerkleid spürte ich die Kälte, so dass sich auch mein Puls nach einigen Metern wieder normalisierte. Ich spürte das immer näher kommende Ende dieses Abends, dieser angenehmen Begegnung. Aus Filmen habe ich gelernt, nicht vor dem dritten Date mit einem Kuss aufzuwarten. 90 % die Frau und 10% der Mann, oder war es umgekehrt? Als ich ‘versuchte’ mich rücklings elegant auf die Mauer am Fischmarkt zu schieben, musste ich lachen. Das Licht der Straßenlaterne ließ mich sein Gesicht gut erkennen. In diesem Moment dachte ich mir, dass dies der perfekte Augenblick wäre. Der perfekte Moment für einen Kuss, endlich mal einer der romantischen Art. Während ich in seine Augen blickte und ihn (wahrscheinlich) erwartungsvoll anschaute kippte die Situation mit einmal. 

Kein Abschiedskuss

Kapitel III

Er fing an sich zu erklären, wich aus dem Licht der Straßenlaterne und vermittelte mir das Gefühl den Abend so schnell es ging, auf seine Weise, beenden zu wollen. Auch wenn ich mir nicht anmerken ließ, dass ich gerne seine Lippen auf meinen gespürt hätte, konnte ich eine Abneigung mir gegenüber in seinem Verhalten deuten. Seine Worte überschlugen sich und auch wenn man ihm ansah, dass es nicht seine Absicht war, befand er sich in einem Monolog. >>Es war ein sehr schöner Abend, ich muss morgen früh raus, also werde ich jetzt gehen!<< Ich schaute auf die Uhr 23:30 Uhr, an einem Donnerstag. Ja – es war spät geworden, meine Erwartungen diesen Moment einfangen und festhalten zu wollen, verflüchtigten sich binnen Sekunden. >>Alles in Ordnung?<< fragte ich ihn in jener Sekunde, in der er Luft holte und auf die Lichter des Hafens schaute. >>Klar, ich muss einfach nur langsam nach Hause, ich bin müde.<< Wer mich kennt weiß, dass ich mich nicht mit einer solch einfachen Aussage abspeisen lasse. Ich glitt von der Mauer und stand nun nur noch wenige Zentimeter mit meinem vor seinem Gesicht. >>Warum hast du es plötzlich so eilig, habe ich etwas falsches gesagt?<< sagte ich nun leiser. >>Nein hast du nicht, nur möchte ich jetzt nichts wagen, was ich hinterher bereuen könnte.<< Ich glaube schärfer hätte man die positive Stimmung in diesem Moment nicht ins Negative umkehren können. Durch seine Lippen presste er eine Entschuldigung, gefolgt von einer Erklärung, welche Worte wie „meine Exfreundin…, falsche Erwartungen…, neu in der Stadt…, für mich geht es nur darum Menschen kennenzulernen…“ enthielt. Doch bereits nach den Worten „meine Exfreundin,…“ hallte seine Stimme nur noch dumpf durch die Nacht. Er umarmte mich und sprach leiser, direkt neben meinem Ohr, so dass ich seinen Atem mit jedem Wort am Hals spüren konnte >>Es war ein schöner Abend Kate, komm gut nach Hause.<< Er drehte sich um und verschwand in die Nacht. Ich konnte seinen Schatten noch zwei, dreimal unter den folgenden Straßenlaternen erkennen, bis er endgültig von der Dunkelheit vereinnahmt wurde und für mein Auge nicht mehr sichtbar war. Da stand ich nun, alleine, am Fischmarkt in einem Sommerkleid. Ich atmete drei vielleicht auch viermal Mal tief ein, nahm langsam wieder wahr, wie sich die Kälte den Weg unter mein Kleid suchte und ging Richtung StadtRAD Station, um selbst den Weg durch das Dunkle, ins Vertraute zu suchen.

Er steht nicht auf mich 

Kapitel IV

Er steht nicht auf mich, das war offensichtlich. Bei jedem Aufleuchten meines Handydisplays erhoffte ich mir eine Nachricht. Ein einfaches „Hey, bist du gut Zuhause angekommen?“. Doch das einzige, was mein Handy an diesem Freitagmorgen zum Leuchten brachte waren Emails und Nachrichten meiner Freundin, die nun unbedingt wissen wollte, wie der gestrige Abend verlief. Zwischen Morgenlauf, Calls und Emails fragte ich mich immer wieder, ob ich mir die gute Chemie nur einbildete oder ob ich auf die verfluchte schwarze Magie der Datingapp reingefallen bin. Mir war sehr wohl bewusst, dass am gestrigen Abend alles hätte passieren können. Ein schlechtes Gespräch, keine gemeinsame Wellenlänge oder gar Abneigung. Doch die Zuversicht und Hoffnung stieg von Wort zu Wort und jeder Schluck Wein tat sein Übriges. Immer wieder öffne ich unseren Chatverlauf, um einen Hinweis zu finden, welcher mir mehr Klarheit verschaffen würde. Immer wieder sah ich, wie er online und im selben Moment wieder offline ging. Es waren seit unserem Treffen keine 24 Stunden vergangen und schon befand ich mich in dieser Spirale aus Stolz und Vorurteilen. Da waren wir also, gefangen in Klischees und unserer heutigen „klassischen Rollenverteilung“. Ich denke angestrengt nach um in meinem Gedächtnis ein Ereignis hervorzurufen, welches diesen Zustand auch nur annähernd erklären könnte. Blickt man zurück hätte man statistisch gesehen, gemessen an der Anzahl meiner Jungsfreundschaften ab der ersten Klasse, denken müssen ich würde bis heute in der „Kumpelzone“ feststecken. In der vierten Klasse hingegen stellte ich fest, dass ich durchaus im Stande war, starke mir bis dato noch unklare, Gefühle für einen Jungen zu entwickeln. Er war groß, trug diese damals furchtbar angesagte Aaron Carter Frisur und hörte auf den Namen André. Nur auf mich hörte er leider überhaupt nicht. Manchmal war ich mir nicht einmal sicher, ob er überhaupt wusste, dass hinter Zahnspange und Pferdeschwanz ein Mädchen mit großem Herzen steckte. Ist es also vorbestimmt, welche Erwartungen wir an einen Mann stellen und sind diese deshalb so hoch, weil uns „André“ in der 4. Klasse als letzter beim Völkerball in die Mannschaft wählte?

Satzzeichen sind essentiell.

Kapitel V

Natürlich rief ich meine Freundin Sarah an und berichtete ihr von dem gestrigen Abend. Erzählte ihr, dass ich bislang immer noch nichts von ihm gehört hatte. Ich schaute aus dem Fenster und schüttelte instinktiv mit dem Kopf, als sie mich fragte, ob ich nicht einfach über den Dingen stehen und ihm schreiben könne, um ein zweites Treffen vorzuschlagen. >>Viel zu früh, er wird nach seinem gestrigen Abgang sicher nicht einwilligen, es konnte ihm ja plötzlich gar schnell genug gehen.<< Ich hörte sie am anderen Ende der Leitung tief ein- und ausatmen >>Dann warte einfach noch, er wird sich sicher melden!<< 

Ich schaffte es mein Handy weitestgehend zu ignorieren und nicht alle 15 Minuten seinen Status zu checken. Ich ließ mich in die Kissen meines Sofas fallen, schaute das erste Mal nach Stunden auf meinen Display. Tippte mit dem Finger auf den dunklen Bildschirm, welcher aufleuchtete und mir den Eingang einer neuen Nachricht preisgab. Dort stand „Johann – Mitteilung“. Ich öffnete die Nachricht und stellte zu meiner Enttäuschung fest, dass es sich nicht um eine schön formulierte Nachricht mit Subjekt, Prädikat, Objekt und Satzzeichen handelte – Satzzeichen sind so wahnsinnig wichtig, sie können eine einzige Nachricht auf so unterschiedliche Art und Weise wirken lassen – sondern um einen Amazon Link, mit einer DVD Empfehlung eines Filmes, über den wir gestern Abend erst sprachen. „Merkwürdige Art und Weise nach fast fünf Stunden Gespräch und knapp 24 Stunden Schweigen das Eis zu brechen“. Ich nahm es als Anlass, um zu antworten >>Den können wir doch zusammen gucken?!<< Daraufhin leuchtete oben in der Anzeige „Schreibt…“ für die nächsten 10 Minuten immer mal wieder auf und verschwand zugleich. „Naja, einen Roman wird er wohl nicht schreiben.“ 

Ich kam ihm zuvor und fragte direkt und frei, ob er nicht Lust hätte auf ein zweites Treffen. 

***

Mein früheres, unbeholfenes ich, hätte gefragt „Was habe ich falsch gemacht?“, „Wieso schreibst du mir erst jetzt?“, „Wenn du keine Lust hast, das Gespräch von gestern Abend fortzuführen, dann sag es einfach.“ Doch heute war ich schlauer, wusste dass es nicht an mir lag und ich die Situation erst einmal beobachten bevor ich urteilen sollte. 

Er mag keine Pizza

Kapitel VI

Nicht einmal zwei Tage später verabreden wir uns am Elbstrand. Ich schreibe ihm, dass ich vor der Strandperle stehe. Ich bin zehn Minuten vor der eigentlichen Zeit am Treffpunkt und entspannt. Es ist ein lauer Abend und ich war dieses Mal so clever eine Jacke und eine Decke einzupacken. 15 Minuten waren bereits vergangen und noch immer keine Reaktion auf meine Nachricht. Dann klingelte mein Telefon, er rief an ‚und für einen kurzen Moment sah ich mich allein mit einem Wein am Strand sitzen.‘

Er teilte mir mit, dass er es erst jetzt schaffen würde loszufahren. Ich dachte an den Feierabendverkehr und die Fahrt aus der City Nord bis die Große Elbstraße und beschloss mich auf die Decke in die langsam untergehende Sonne zu legen. 

Ich muss kurz eingeschlafen sein, denn ein erneutes Klingeln meines Telefons ließ mich zusammenzucken. >>Wo bist du? Ich kann dich nicht finden.<< hörte ich ihn unter jener Anstrengung sagen, wenn man die Augen zusammenkneift, in der Hoffnung mehr sehen zu können. >>Ich sitze ungefähr fünf Meter rechts neben der Strandperle, oben an der Mauer<< Ich richtete mich auf und versuchte meinen Ärger über seine Verspätung von 45 Minuten zu verdrängen. Irgendwie ein schlechter Start, aber die Zuversicht hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht begraben. (Starke Leistung, wenn man bedenkt, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt quasi in einem riesen Sandkasten befand)

Da saßen wir nun, mit zwei Gläsern Wein auf der Decke und schauten auf die Elbe, wie sie ruhig vor uns lag und die letzten Sonnenstrahlen des Tages in ihr eintauchten. Dieses Mal ließ ich alle Erwartungen Zuhause, was sich, wie sich später herausstellte, als richtig erwies. >>Ich habe Hunger, wollen wir uns eine Pizza teilen?<< mit hungrigen Augen blickte ich zur langen Schlange vor der Strandperle. >>Ich mag keine Pizza, aber hol du dir gerne eine<< „Hallo?! Wer mag denn bitte keine Pizza und wer um alles in der Welt lässt bei einem Date eine Frau alleine eine Pizza essen?“ >>Es gibt bestimmt auch andere Sachen, Clubsandwich oder Salate, soll ich eine Karte holen?<< Ich stand auf und ging hinüber zur Bar um eine Karte zu holen. Meine kleine grumpy cat auf meiner linken Schulter hatte eigentlich schon genug vom Abend. Er wurde dann, zu meiner Überraschung, doch noch recht entspannt. Wir holten uns jeder eine Salzbrezel und einen zweiten Drink, setzten uns zurück und redeten, bis die Lichter am Hafen immer deutlicher wurden. >>Soll ich dich nach Hause fahren?<< „Halleluja, es gibt noch Hoffnung“ >>Das wäre lieb von dir, danke<< entgegnete ich mit einem leichten verschmitzten, für ihn nicht sichtbaren, Grinsen. 

Ich beschrieb ihm den Weg zu meiner kleinen zwei Zimmer Altbauwohnung in Ottensen, kam dabei nicht drum herum ihn zu fragen, warum er ab und an einen desinteressierten Eindruck bei mir erweckt. >>Ich denke, das ist einfach meine Art und keine böse Absicht. Du bist eine tolle, gut aussehende Frau, die schon viel erreicht hat in ihrem Leben und darauf solltest du stolz sein<< Zack, das hat gesessen. Das erste mal fühlte ich mich nicht nur körperlich, sondern auch geistig zu ihm hingezogen. 

Seine Aussage änderte dennoch nichts an meiner Entscheidung vor der Haustür mit einem einfachen >>Bye und danke fürs fahren<< aus dem Auto zu steigen, die Tür aufzuschließen und hinter mir ebenso schnell wieder ins Schloss fallen zu lassen.

Ein guter Wein will getrunken werden

Kapitel VII

Dieses Mal ließ seine nächste Nachricht nicht lange auf sich warten. Mit der Zahnbürste im Mund blickte ich erstaunt auf meinen Display und war überrascht. Überrascht von so viel Freundlichkeit und Zuneigung in seinen Worten. „Danke für den schönen Abend und leg meine Worte nicht immer so auf die Goldwaage, auch ich bin ab und an einfach unsicher“ Nun gut, ihr fragt euch jetzt sicher von welcher Zuneigung ich hier spreche, für seine Verhältnisse war es entsprechend viel entgegen kommen und hier eher das Kleingedruckte zwischen den Zeilen. Die nächsten Tage gingen ins Land, wir telefonierten hin und wieder, sendeten uns den Tag über kleine Aufmerksamkeiten und „Ich denk dich’s“ via Nachricht. Jetzt zu sagen, er würde nicht auf mich stehen kam mir nun lächerlich vor.

Freitagabend und es sollte tatsächlich ein drittes Date geben. Ich fühlte mich ihm bereits näher als noch eine Woche zuvor, in der ich mich bei seiner Ankunft am Elbstrand mehr über seine Unpünktlichkeit ärgerte als mich über seine Anwesenheit zu freuen. 

Der Feierabendverkehr an einem Freitagabend kann ich Hamburg manchmal zum Haare raufen sein, berechtigt aber keine Verspätung von 45 Minuten, die ich mir nun bereits vor dem Goldfischglas in der Schanze die Beine in den Bauch stand. Ich schrieb genervt mit meinen Freunden, ob ich nicht einfach gehen solle, da mich der Ärger mittlerweile fest im Griff hatte. Beim Pokern würde ich jedes Mal verlieren, da ich jenes Gesicht leider nicht aufsetzen kann. Das merkten mir sicher auch die umstehenden, trinkfreudigen Menschen auf der Straße an. Ich trug mein neustes, eng anliegendes schwarzes Kleid und Sneaker. Meine Haare hatte ich ausnahmsweise in Wellen gelegt und der Lippenstift war dezent, unterstrich aber dennoch meine herzförmige Oberlippe. Natürlich fing es zu regnen an, doch war es in der Bar zu voll, als dass ich mich allein ins Getümmel werfen wollte. Ich erblickte sein Gesicht, welches keinerlei Reue oder Demut zeigte. Mit den Worten „Ich bin sonst nicht so, ich komme eigentlich immer pünktlich“ kehrte er 45 Minuten innerhalb von 3 Sekunden unter den Tisch. „Was möchtest du trinken?“ >>Ich nehme ein Glas Weißwein<< Ein guter Wein will schließlich getrunken werden; in meinem Fall wollte ich mir einfach den Ärger runterspülen. Das Gespräch verlief entspannt. Geschützt vor dem Regen durch das Vordach des Goldfischglases sprachen wir über banales aber auch tiefgründiges. Es folgten noch ein weiteres Glas Wein und ein Gin Tonic, als ich das Gefühl verspürte ihn gerne spüren zu wollen. Ich zog ihn zu mir heran und empfand den Moment als richtig ihn zu küssen. Mit den Worten „Ich küsse nicht in der Öffentlichkeit“ sank mein Pegel binnen von Sekunden und ich wurde auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Spätestens jetzt wäre der richtige Zeitpunkt gewesen mich in ein Taxi zu setzen und nach Hause zu fahren – allein. Das Taxi kam, doch saß ich in dieser Nacht nicht allein auf der Rückbank. Die Autotür fiel ins Schloss. Als ich mich die Worte meiner Adresse sagen hörte, spürte ich seine Hand an meinem Rücken. Er zog mich auf dem Sitz näher zu sich heran und unsere Lippen berührten sich. Von diesem Zeitpunkt an war ich gefangen in der Leidenschaft, dem Willen dass diese Art von Beziehung klappen muss und dem Drang ihn in mein Leben lassen zu wollen.

Ich weiß nicht mehr ob wir uns den Mut antranken, oder ob die Leidenschaft auch ohne Alkohol ihren Weg gefunden hätte. Aber ich weiß, dass ich bereit war mein Bett zu teilen. Ohnehin lag ich nie in der Mitte des Bettes, sondern hatte meinen Platz rechts im Bett gefunden. Wir stolperten zur Haustür rein, ich öffnete noch eine weitere Flasche Wein. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass ich aus reiner „Vor-Sicht“ gehandelt habe. Die vernebelten Sinne noch einen Augenblick im Dunkeln tappen zu lassen. Der klare Verstand würde mir jetzt sicher einen Strich durch die Rechnung ziehen und sich plötzlich dazu entscheiden, dass Verspätungen und Respektlosigkeiten einen deutlich höheren Stellenwert verdient haben, als banales Rumknutschen – was sich aber zugegebener Maßen einfach nur gut anfühlte. Einige Stunden später, wir lagen nebeneinander, schlaftrunken und berauscht, wurde ich hellwach als er aufstand und seine Hose anzog. Um vier Uhr morgens kam Aufbruch Stimmung auf. >>Warum bleibst du nicht?<< „Ich will dir nicht deinen Schlaf nehmen, ich fahre lieber nach Hause.“ >>Wie willst du denn nach Hause kommen?<< „Ich nehme ein StadtRad, hier ist ja eine Station um die Ecke.“ Hier schleißt sich also der Kreis. Erinnert ihr euch, als ich in jener Nacht sanft von der Mauer glitt und alleine durch die Dunkelheit zur nächsten StadtRad Station tappte?

Damals dachte ich, es wäre ein Fehler ihn in mein Leben gelassen zu haben. Doch ehrlicherweise war es nicht er, der noch nicht so weit war (wobei ich auch hier stark davon ausgehe) sondern ich diejenige die unbedingt mit aller Macht etwas wollte, was nicht war. Ich war nicht ehrlich zu mir selbst und habe mir eingeredet, dass die Männer in den 30ern Bindungsängste ausstehen, das Unverbindliche vorziehen. Doch in Wahrheit war ich gar nicht bereit für eine Bindung, mit einem Mann der mich nicht wertschätzt, ich war nicht bereit meine Freiheit aufzugeben ohne mich selbst vorher besser kennenzulernen. Eines sei jedoch gesagt, Pünktlichkeit ist eine Tugend. 

6 Kommentare

  1. Sabine
    23. Mai 2020 / 18:03

    Finde die Geschichte sooo schön 😍 und bin schon auf die Fortsetzung am Dienstag gespannt …

  2. Hartmut
    24. Mai 2020 / 9:47

    Ja,, eine sehr schöne Geschichte 😊🍀❤️

  3. Sabine
    12. Juni 2020 / 17:22

    Huhu ich warte ganz gespannt auf Kapitel VII?
    LG Sabine 😊

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