Abenteuer Alleinsein

Wer also immer auf der Suche nach dem nächsten großen Abenteuer ist, versuche es doch mal mit dem Alleinsein – mein bisher größtes Experiment.

Sind wir einsam, wenn wir allein sind? Wann fühlt sich das Alleinsein wie Einsamkeit an? Es besteht meiner Auffassung nach ein Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen. Denn wir entschließen uns bewusst für den Zustand des Alleinseins, das Gefühl von Einsamkeit jedoch können wir häufig nicht steuern. Es entsteht in den meisten Fällen nach Trennungen, während oder nach eines Streits, wenn wir uns unverstanden fühlen oder bei einem Verlust. Der gesellschaftlichen Auffassung nach also ein negativer Zustand. Durch das Gleichsetzen dieser beiden Befindlichkeiten, lassen wir beide Begriffe in einer Schublade verschwinden.

Möchte man also allein sein, heute mal nicht mit den Freunden ausgehen, stattdessen lieber das Sofa-Netflix-Programm bevorzugen, stimmt mit uns automatisch etwas nicht. „Geht es dir nicht gut?!“ Auf die Idee „einfach nur allein sein zu möchten, um die Zeit mit sich zu genießen.“ kommt kaum einer. Warum? Häufig können wir mit uns nicht alleine sein. Wir sind mit unseren Gedanken konfrontiert, fangen an uns zu reflektieren oder könnten etwas verpassen.

In den letzten Monaten fühlte ich mich in größeren Menschenmengen häufiger einsam. Einsamer als ich mich allein jemals hätte fühlen können. Das Stadtleben, die Lautstärke und letztendlich auch der frei gewählte Umgang mit Menschen, die mir nicht gut getan haben. Immer auf dem Sprung. Events, Reisen und dahinter ein großer Geltungsdrang. Zum Alleinsein musste ich mich zwingen, zu groß war die Angst etwas zu verpassen. Ein Abend auf der Couch allein, im Vergleich zu den Instagram-Stories ließ mich zweifeln die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Äh, bitte was?!“ Ich entschied mich doch für mich, wie konnte ich je daran zweifeln, dass diese Entscheidung nicht die richtige war?

Nach den vielen Enttäuschungen der letzten Monate, verlorenen Kämpfen – ohne jemals richtig gekämpft haben zu können – entwickelte sich in der Corona „Stay-at-home“ Zeit immer mehr der Wunsch nach innerlicher und auch äußerlicher Freiheit. Auch wenn dies bedeutete Hamburg – mit all seinen guten Momenten – hinter mir zu lassen. Ich wollte mich voll und ganz auf das „Abenteuer Alleinsein“ einlassen.

Rückblick: Die Monate März und April zeigten mir, dass sich die Welt weiterdreht, auch ohne das ständige Gefühl etwas zu verpassen. Ohne die Sorge um Anerkennung, neuen spannenden Inhalten bestehend aus Fashion-Bestellungen, Restaurantbesuchen oder Reisen, sobald diese wieder möglich waren. 

Mir reichte das Alleinsein. Mir gefiel es meine Gedanken wieder sortieren zu können. Mir gefiel es Termine zu haben, ohne das Haus verlassen zu müssen. Mir gefiel es, wieder atmen zu können ohne bei jedem Atemzug aus der Puste zu sein.

Alles im Leben ist in gewisser Art und Weise ein Abenteuer, jene Höhen und Tiefen. Doch ich habe gelernt meinen eigenen Zustand zu erkennen und immer dann anzupassen, wenn ich mich zu weit von meinen eigenen Werten und Zielvorstellungen entferne.

Mit diesen Erkenntnissen konnte ich den Entschluss fassen Deutschland hinter mir zu lassen, ohne vor „meinen Problemen“ davon zu laufen. Denn wenn wir ehrlich sind, ist es egal wo wir sind, die Probleme kommen hinterher. Konflikte, Hindernisse und Schwierigkeiten entstehen in den häufigsten Fällen aus uns heraus, diese projizieren wir auf unser Umfeld, welches uns spiegelt. Ein Ortswechsel konfrontiert uns mit unseren eigenen Issues und bringt Licht ins Dunkel, so zumindest fühlt es sich derzeit an. 

Schon in der zweiten Woche – fernab von Deutschland – fing ich an den Schmerz der vergangenen Monate zu verarbeiten und eben nicht mehr vor mir herzuschieben. Auch ein Grund, warum ich es wieder schaffe Worte wie diese zu Papier zu bringen. Die Enttäuschung und Wut riefen eine Schreibblockade in mir hervor.

Was also ist mein Learning?

Ich fühle ganz deutlich den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Ich genieße es niemanden erklären zu müssen, warum ich jetzt gerne allein bin und mir lieber jeden Tag einen Sonnenuntergang und danach meine Lieblingsserie auf Netflix anschaue, als „eben noch mal schnell…“. Ich muss mich nicht erklären. Ich kann meine Gedanken in Ruhe zu Ende denken. Wer also immer auf der Suche nach dem nächsten großen Abenteuer ist, versuche es doch mal mit dem Alleinsein – mein bisher größtes Experiment.

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3 Kommentare

  1. 3. Oktober 2020 / 23:18

    Meine liebe Tochter 😍
    Ich bin sehr stolz auf dich und wenn wir uns nicht schon so nah wären, würde ich behaupten, dass wir uns noch näher gekommen sind.
    Ich liebe deine Offenheit und Ehrlichkeit und ich weiß , dass leider sehr viele Menschen damit nicht umgehen können. Trotzdem bist du nie von deinem Weg abgekommen, hast immer allen Menschen eine helfende Hand gereicht, obwohl diese helfende Hand oft ausgenutzt wurde.
    Ich bin stolz darauf, dass du trotzdem nie den Glauben an die Menschen verloren hast und immer wieder mit einem offenen Herzen auf dein Gegenüber zugehst. Das ist Stärke, das ist Ehrlichkeit und auch viel Liebe.
    Ich liebe dich
    Deine Mama ❤️

  2. 4. Oktober 2020 / 7:36

    Wunderschön und auf den Punkt geschrieben, liebe Kate!
    Alleinsein und Einsamkeit sind zwei Paar Schuhe. Ich bin gerne mal alleine und brauche das auch, weil ich weiß, nicht einsam zu sein. Aber ich kenne genug Menschen um mich herum, die sich sehr einsam fühlen, was oftmals „nur“ am Single-Dasein festgemacht wird….
    Ich finde Zeit mit mir selbst unglaublich wichtig zum Entspannen, Erden, „Ich-Sein“ und Treibenlassen. Energietanken für Neues.
    Danke für deine Worte und alles Liebe für Nero & Dich auf Mallorca, du machst es genau richtig 💕
    Liebe Grüße aus Hamburg
    Alexandra

  3. Beff
    4. Oktober 2020 / 21:30

    Liebe Kate,
    was für unfassbar tolle Worte und zugleich sprichst du bestimmt viele aus der Seele.🙏🏼
    Mir tatsächlich auch in letzter Zeit und mir liefen sogar ein paar Tränen über die Wange, als ich es gelesen haben.
    Wieso kann es nicht so einfach sein bzw. warum denken wir immer soviel nach.🙄
    Danke für deine Beiträge, sie geben Mut und Anregung.
    Ich drücke dir für dein Weg, weiterhin viel Kraft und Energie🙏🏼🍀

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